
Gewählt. Und jetzt?
Das erste Jahr im Bundestag
zwischen Engagement und Überforderung
Diese Studie untersucht, wie neu gewählte Mitglieder des Bundestages (MdBs) beim Übergang in die parlamentarische Arbeit wirksamer unterstützt werden können. Ziel ist es, konkrete Ansatzpunkte für die strukturelle Verbesserung des Übergangs in das Amt und für die langfristige Stärkung politischer Arbeit zu identifizieren.
Die Studie basiert auf 50 vertieften Interviews mit MdBs und parlamentarischen Mitarbeitenden aus verschiedenen Parteien, die zwischen Juni 2025 und März 2026 durchgeführt wurden. Sie wurde von der Better Politics Foundation durchgeführt mit der Förderung von der Robert Bosch Stiftung.
Elected. Now What?
The first year in the Bundestag
between commitment and overwhelm
This report examines how newly elected Members of Parliament (MPs) in Germany can be more effectively supported as they transition into parliamentary work. The aim is to identify concrete starting points for structurally improving the transition into office and for strengthening political leadership over the long term.
The report is based on 50 in-depth interviews with MPs and parliamentary staff across parties, conducted between June 2025 and March 2026. The study was conducted by the Better Politics Foundation, with support from the Robert Bosch Stiftung. The full report is in German, but the Executive Summary is available in English.
Was die Studie zeigt (Top Insights)
Wir identifizieren zehn zentrale Kompetenzbereiche, die für effektive politische Führung entscheidend sind, und stellen fest, dass diese Kompetenzen zwar von Beginn an vorausgesetzt, jedoch so gut wie nie systematisch entwickelt werden.
Das erste Jahr ist kein Sprint, sondern ein Marathon im Sprinttempo
Büroaufbau, Personaleinstellung, parlamentarische Einarbeitung, öffentliche Präsenz: Der Einstieg ins Mandat ist komplex. Die verbreitete Hoffnung, dass sich die Belastung nach den ersten Monaten normalisiert, erfüllt sich jedoch kaum. Strukturelle Anforderungen bleiben hoch, Terminkalender sind voll von frühmorgens bis spät abends, Wirkungskreise wachsen weiter und die Intensität bleibt.
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Das erste Jahr ist kein Sprint, sondern ein Marathon im Sprinttempo
Lernen passiert fast ausschließlich durch Erfahrung, nicht durch Ausbildung
Über alle Kompetenzfelder hinweg gilt: Kompetenzen werden informell, erfahrungsbasiert und kontextabhängig entwickelt. Das System setzt Kompetenz voraus, lässt aber zu wenig Raum für gezielte Weiterentwicklung. Strukturierte Lernangebote spielen aktuell oft eine untergeordnete Rolle, obwohl der Bedarf hoch ist.
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Lernen passiert fast ausschließlich durch Erfahrung, nicht durch Ausbildung
Netzwerke sind Infrastruktur: wer sie nicht hat, ist strukturell benachteiligt
Informelle Netzwerke, sowohl innerhalb der Partei als auch überparteilich, entscheiden über Zugang zu Wissen, Einfluss und Unterstützung. Wer gute Netzwerke mitbringt und ein erfahrenes Team hat, lernt schneller und navigiert sicherer. Wer das nicht hat, steht stärker auf sich allein gestellt. Informelles Lernen funktioniert, aber es reproduziert bestehende Ungleichheiten.
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Netzwerke sind Infrastruktur: wer sie nicht hat, ist strukturell benachteiligt
Der Wunsch nach Mentoring ist groß. Das Angebot bleibt oft zufällig
Mentoring entsteht durch Zufall: Büronachbarschaft, bekannte Gesichter, alte Seilschaften. Aber auch im informellen Setting
sind neue Abgeordnete dann diejenigen, die aktiv Fragen stellen und Informationen erbeten müssen. Strukturierte Mentoringprogramme
würden den Start ins Mandat begleiten und erleichtern und werden von vielen gewünscht.
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Der Wunsch nach Mentoring ist groß. Das Angebot bleibt oft zufällig
Lernbedarfe verändern sich. Die Unterstützung muss mithalten
Zu Beginn des Mandats stehen praktische Fragen im Vordergrund zu Kommunikation, öffentlichen Auftritten und dem Büroaufbau. Mit wachsender Erfahrung verschieben sich die Bedarfe: Strategische Pressearbeit und effektive Priorisierung werden der Fokus. Langfristig profitieren Abgeordnete von Formaten, die Selbstfürsorge, strategische Orientierung und Rollenverständnis immer wieder neu adressieren.
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Lernbedarfe verändern sich. Die Unterstützung muss mithalten
Führungskompetenz ist ein zentraler, systematisch unterschätzter Erfolgsfaktor
Mit dem Mandat werden Abgeordnete über Nacht zu Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern in einem kleinen Unternehmen, oft ohne jede Vorbereitung. Schlechte Teamführung bindet Energie, erzeugt Reibung und beeinträchtigt die politische Handlungsfähigkeit. Rückblickend nennen fast alle diesen Bereich als zentralen und unterschätzten Lernbedarf.
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Führungskompetenz ist ein zentraler, systematisch unterschätzter Erfolgsfaktor
Strukturell überlastet, aber individuell verantwortet
Die Belastung im Mandat übersteigt das, was viele Abgeordnete für dauerhaft tragbar halten. Und doch wird Erschöpfung als individuelles Versagen gerahmt, nicht als strukturelles Problem. Wer Schwäche zeigt, riskiert seine Karriere. Im Fraktionskontext und erst recht in der Öffentlichkeit bleibt das Thema weitestgehend tabu. In den überparteilichen Angeboten wird das bereits berücksichtigt.
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Strukturell überlastet, aber individuell verantwortet
Politikspezifische Kompetenzen: selbstverständlich vorausgesetzt, selten entwickelt
Verhandlungsführung, Rollen- und Zielfindung, politische Urteilsfähigkeit sind politische Fertigkeiten und Fähigkeiten, die Abgeordnete in der Regel bei sich als selbstverständlich voraussetzen. Sie werden selten als Lernbedarf artikuliert. Wer jedoch an Formaten zu diesen Themen teilgenommen hat, bewertet das durchweg als wertvoll und relevant für die (eigene) politische Praxis.
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Politikspezifische Kompetenzen: selbstverständlich vorausgesetzt, selten entwickelt
Überparteiliche Programme: Lernen und Netzwerk zugleich
Überparteiliche Programme bieten etwas, das im parteilichen Kontext kaum möglich ist: einen Raum, in dem Kandidierende und Abgeordnete aus verschiedenen Fraktionen lernen und offen miteinander sprechen können. Teilnehmende beschreiben gerade den überparteilichen Austausch und das entstehende Netzwerk als zentralen Mehrwert, oft noch vor den konkreten Weiterbildungsangeboten.
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Überparteiliche Programme: Lernen und Netzwerk zugleich
Veränderung braucht kollektives Handeln, nicht nur individuelle Stärke
Die strukturellen Herausforderungen des Mandats wie anfängliche Überforderung, fehlende Lernstrukturen und Tabuisierung von Überlastung lassen sich nicht durch individuelle Anstrengung allein bewältigen. Was fehlt, ist ein abgestimmtes Zusammenspiel der Akteure im Unterstützungsökosystem, die gemeinsam an Normen, Strukturen und Angeboten arbeiten, damit systematische Weiterbildung selbstverständlicher Bestandteil während des Mandats wird.
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Veränderung braucht kollektives Handeln, nicht nur individuelle Stärke
Unsere Handlungsempfehlungen
​Mentoring formalisieren
Der Wunsch nach erfahrenen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern in den ersten Wochen ist fraktionsübergreifend und eindeutig. Fraktionen und überparteiliche Programme sollten strukturierte Mentoring-Angebote entwickeln, die direkt nach der Wahl greifen und die ersten Monate begleiten, nicht als informelle Geste, sondern als verlässliches Programm mit klaren Erwartungen auf beiden Seiten.
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Führungskompetenz als Pflichtthema
Mit dem Mandat werden Abgeordnete über Nacht zu Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern, oft ohne jede Vorbereitung. Fraktionen sollten Führungskompetenz als eigenständiges Thema im Onboarding und darüber hinaus verankern und externe Trainings sowie Coaching-Angebote dafür koordinieren.
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Belastung institutionell enttabuisieren,
Resilienz individuell stärken
Die Belastung im Mandat ist strukturell hoch und unterschätzt. Fraktionsspitzen tragen Verantwortung dafür, eine Kultur zu schaffen, in der Erschöpfung thematisiert werden kann, ohne Angst vor Karrierenachteilen. Wer offen über Belastung spricht, senkt die Schwelle für alle anderen. Konkret bedeutet das: psychologische Anlaufstellen schaffen und sichtbar machen, Coaching und kollegiale Beratungsformate etablieren und Resilienz als Thema aus der Privatheit herausholen.
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Strukturierte Methoden für politische
Entscheidungsfindung
Methoden wie Szenarienentwicklung, Foresight oder Design Thinking sind im parlamentarischen Alltag kaum verankert, obwohl sie helfen würden, komplexe Entscheidungen strukturierter vorzubereiten. Fraktionen, überparteiliche Programme und politische Stiftungen sollten vermehrt praxisnahe Formate entwickeln, die diese Methoden vermitteln und erlebbar machen.
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Überparteiliche Formate
langfristig anlegen
Vertrauen über Parteigrenzen entsteht nicht durch einzelne Begegnungen. Es braucht Zeit, Kontinuität und Räume, die bewusst für informellen Austausch reserviert sind. Strukturierte Lernangebote bilden einen guten Rahmen dafür. Überparteiliche Formate sollten entsprechend längerfristig konzipiert sein und Raum für Austausch und Begegnung bieten.
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Koordination im
Unterstützungs-ökosystem
Fraktionen, Bundestagsverwaltung, Stiftungen und zivilgesellschaftliche Organisationen arbeiten derzeit oft nebeneinander statt miteinander. Angebote bauen selten aufeinander auf und nach bestehender Regelung dürfen Fraktionen und politische Stiftungen Weiterbildungen von Abgeordneten nicht finanzieren.
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Die Studie in Zahlen
Unser Vorgehen



Die Abgeordneten






Was Abgeordnete uns berichteten
Projektpartner & Autorinnen
Diese Studie wurde durchgeführt von Corina Scholz und Cäcilia Riederer als Autorinnen, mit der Förderung von der Robert Bosch Stiftung.
Über die Robert Bosch Stiftung

Die Robert Bosch Stiftung arbeitet in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Globale Fragen. Mit ihrer Förderung setzt sie sich für eine gerechte und nachhaltige Zukunft ein. Die Stiftung geht auf das Vermächtnis des Unternehmers und Stifters Robert Bosch zurück. Heute sind rund 170 Mitarbeiter:innen an den Standorten Stuttgart und Berlin tätig.
Über die Autorinnen
Danksagung
Wir danken Dr. Luise Koch (Technische Universität München) für die wertvolle Unterstützung bei der Konzeption des Studiendesigns, Dr. James Weinberg (University of Sheffield) für die kollegiale Zusammenarbeit, Dr. habil. Benjamin Höhne (Universität Chemnitz) für die konstruktive Begleitung und kritische Diskussion der Zwischenergebnisse sowie Dr. Finn Heinrich (Bertelsmann Stiftung) für die hilfreichen Anmerkungen zum ersten Entwurf.
Ebenso geht unser Dank an die Gesprächspartnerinnen und Ansprechpartner aus den Reihen der Bundestagsverwaltung und der überparteilichen Programme (PLE), den Fraktionen und Abgeordnetenbüros. Nicht zuletzt bedanken wir uns herzlich bei den Abgeordneten und ehemaligen Abgeordneten, die uns für ein Interview zur Verfügung standen.



